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„Wir sind die Augen der Redaktionen“

Berlin Prenzlauer Berg: Hier lebt seit 2002 Eldad Beck, Israeli, 44. 2900 Kilometer entfernt: Jerusalem, seit 1977 Wohn- und Arbeitsort des Deutschen Ulrich Sahm, 59. Beide sind Auslandskorrespondenten, Beck vertritt „Jediot Ahronot“, Sahm arbeitet unter anderem für N-TV

Von Lars Hansen

Nachrichten aus Berlin sind weltweit gefragt. Seit der Wiedervereinigung 1990 und der Wahl Berlins zur deutschen Hauptstadt ist das Nachrichtengeschäft dort stetig gewachsen. In kaum einer anderen Stadt gibt es eine solche Vielfalt im Pressemarkt. Neun Zeitungen erscheinen in Berlin, über 50 auswärtige deutsche Zeitungen und Zeitschriften haben in Berlin Redaktionen eingerichtet. Etwa 900 deutsche Parlamentskorrespondenten gehören der Bundespressekonferenz an. Hinzu kommen 400 Mitglieder des Vereins der Ausländischen Presse e.V. (VAP) und knapp 200 weitere ausländische Korrespondenten. Eldad Beck ist der einzige entsandte und fest angestellte israelische Korrespondent in Berlin; nur wenige – unter ihnen Igal Avidan und Dani Dagan – arbeiten als Free Lancer. Die Zahl der israelischen Korrespondenten in Deutschland ist seit den 1990er-Jahren stetig zurückgegangen, auch das Fernsehen ist nicht mehr vertreten. „Man spart, langsam verschwinden die Auslandskorrespondenten“, bedauert Eldad Beck. „Wir sind die Augen der Redaktionen im Ausland, und wir liefern eine Arbeit, die keiner in unseren Redaktionen mit Hilfe des Internets und von Presseagenturen liefern kann.“ Ulrich Sahm macht für die mangelnde israelische Medienpräsenz in Deutschland auch andere Gründe geltend: „Die israelischen Medien sind sehr auf das eigene Land und auf jene Themen fixiert“, sagt er, „die sie direkt betreffen. Deshalb ist der Platz Washington weit wichtiger als Berlin. Das hat aber auch zur Folge, dass viele Ereignisse in Deutschland in Israel überhaupt nicht wahrgenommen werden.“ Ulrich Sahm sieht, dass die Wirtschaftslage auch die deutschen Verlage zum Sparen zwingt. Aber: In Jerusalem und Tel Aviv sind derzeit immerhin noch über 40 deutsche Korrespondenten vertreten.

Eldad Beck hat schon als Korrespondent verschiedener israelischer Zeitungen, Rundfunk- und TV-Sender in Frankreich und Österreich gearbeitet. Auf seiner „Mängelliste“ in Berlin steht bisher, kein Interview mit einem deutschen Außenminister bekommen zu haben; gelungen ist ihm das mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. An Informationen zu kommen, ist nicht immer leicht, auch deswegen ist er Mitglied des Vereins der Ausländischen Presse. Das erlaubt ihm mit seinen ausländischen Kollegen, an den Bundespressekonferenzen der deutschen Parlamentskorrespondenten mit hochrangigen Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur teilzunehmen.

Wie kommt was ins Blatt? „Oft kommt die Initiative, über ein Thema zu schreiben, von mir“, erläutert Eldad Beck, „und oft muss ich darum kämpfen, dass eine Story erscheint, da die Redakteure nicht immer deren Wichtigkeit verstehen“. Beck ist – wie sein Kollege Sahm in Jerusalem – „Einzelkämpfer“: Er muss eine ganze Themenpalette abdecken – Innen- und Außen-, Nahostpolitik, Kultur, Tourismus, Wirtschaft bis hin zu Sport. Hinzu kommt: Er ist auch zuständig für die Berichterstattung aus Zentraleuropa und der Europäischen Union. Für beide Journalisten sind Sekundärquellen wichtig; sie bestimmen den Tagesablauf mit: Beck arbeitet täglich fünf deutsche Tageszeitungen durch, auf der Liste stehen auch drei Wochenzeitungen sowie ausländische Medien. Neben den israelischen Printmedien verfolgt Ulrich Sahm ein „informatives Mammutprogramm“: Zwei israelische TV-Sender laufen bei ihm gleichzeitig; für ihn ist auch „Aljaazeera“ – neben den halbstündigen israelischen Radionachrichten ein Muss. Stets auf dem Laufenden zu sein, ist für ihn alles. Über die deutschen Fernsehsender ARD und ZDF macht er sich ein Bild, „wie Nahostnachrichten in Deutschland verarbeitet werden“. Sahm hat unterschiedliche Auftraggeber: christlich ausgerichtete Medien wollen Berichte über die verschiedenen Religionen; dabei kommen ihm seine Studien der Evangelischen Theologie und Judaistik am Kölner Martin Buber-Institut sowie das der Hebräischen Literatur an der Hebrew University zu gute. Zeitungen hingegen wollen Hintergründe, Reportagen und Meldungen zu politischen Themen: „Israel ist laut Bibel das Land, wo Milch und Honig‘ fließen“, kommentiert der Sohn eines deutschen Diplomaten, der u. a. in Großbritannien und Frankreich aufgewachsen ist, seine tägliche Arbeit: „Es ist auch ein Land, wo die journalistischen Geschichten auf der Straße herumliegen. Man muss sie nur aufsammeln.“

Eher selten bleibt für Auslandskorrespondenten noch Zeit für andere Aktivitäten. Eldad Beck, dessen journalistische Karriere schon während des Militärdienstes begann und der später an der Pariser Sorbonne studiert hat, hat sich zumindest kleine Freiräume geschaffen: In Israel ist auf Hebräisch gerade sein erstes Buch „Jenseits der Grenze“ über seine Reisen in für Israelis verbotene Länder erschienen. Als Bürger mit einer auch „europäischen Staatsbürgerschaft“ konnte er in den letzten Jahren in verschiedene arabische und muslimische Staaten reisen und „von dort meinen israelischen Lesern über das Geschehen jenseits der Grenze berichten“, erzählt der in Haifa geborene Israeli. Mit dem Buch versuche er, den Israelis ein Fenster zu Nachbarländern zu öffnen und eine Debatte über die Rolle der Medien im Nahostkonflikt zu initiieren. Darin sieht Beck auch „einen wichtigen Beitrag für einen eventuellen Frieden im Nahen Osten“. Er beteiligt sich auch an der Arbeit des Vereins der ausländischen Journalisten: Auf seine Initiative hat der VAP anlässlich des Filmfestes Hamburg erstmals mit dem Foreign Press Award einen ausländischen Film ausgezeichnet.

Sich nicht zu verbiegen, scheint das journalistische Credo des Korrespondenten zu sein: er möchte über alles schreiben, auch über solche Themen, die in Deutschland oder in Israel nicht gefallen. Ulrich Sahm sieht sich vor allem als neutralen Berichterstatter und will „das Vorgehen der einen oder anderen Regierung, Partei, Organisation möglichst überzeugend darstellen, um die Komplikationen des Konflikts wenigstens ein klein wenig zu verstehen.“ Er hält nichts von Kommentaren, die „genau wissen, was richtig oder falsch ist und Zauberformeln für die vermeintliche „Lösung“ des Konflikts anbieten“.

Beide Journalisten sind von „ihren“ Städten, in denen sie leben, fasziniert – gelegentlich nicht ohne Kritik. „Die Berliner können manchmal kompliziert und pädagogisch“ sein, meint Eldad Beck; ihm gefallen aber „die Internationalität des Viertels Prenzlauer Berg, die Lebensdynamik der oft jungen Bewohner, die Kreativität der Menschen, die kleinen Läden, die woanders schon verschwunden sind“. Und Ulrich Sahm schwärmt geradezu von der „historischen Wucht“, die von Jerusalem ausgehe, von der „Vielfalt der Menschen, Erlebnisse und Eindrücke, die es auch nach Jahren fast täglich ermöglichen, etwas Uraltes als völlig Neues zu entdecken“. Er findet es sehr reizvoll, „mit Juden wie Arabern, Moslems, Armeniern und anderen Christen befreundet zu sein“.

02.11.2009
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