Von Amila Karacic kommen jetzt nur noch begeisterte E-Mail-Botschaften. Mit vielen Smilies durchsetzt. Denn die 22-jährige Studentin ist unterwegs – mit dem Interrail-Ticket fährt sie einen Monat lang durch Europa. Gerade war sie in Paris, den Eiffelturm anschauen, davor in Deutschland, in Berlin, Nürnberg und Köln. Interrail? Die Fahrkarte für die erste oder zweite Klasse zu einem Pauschalpreis, mit dem über einen bestimmten Zeitraum unbegrenzt viele Zugfahrten bei europäischen Eisenbahngesellschaften genutzt werden können, ist für Jugendliche in der Europäischen Union nichts Besonderes. Für Amila Karacic schon. Sie stammt aus Bosnien und Herzegowina. Da setzt sich niemand einfach so in den Zug, um nach Frankreich oder Deutschland zu fahren. Jeder braucht ein Visum und Geld.
Dass Amila Karacic’ Traum vom unbeschwerten und grenzenlosen Reisen in Europa wahr wurde, verdankt sie ihren guten Noten im Kommunikations- und Politikstudium an der Sarajevo School of Science and Technology. Die herausragenden Studienleistungen haben ihr den Weg in das Reiseprogramm „Europa erfahren“ geebnet, das seit 2007 von der Robert Bosch Stiftung gefördert wird. 340 Studierenden aus Südosteuropa verhilft das Programm zu einer Interrail-Reise quer durch Europa. Die größte Gruppe kommt mit 200 Teilnehmern aus Serbien, 43 stammen aus Bosnien und Herzegowina, 20 aus Albanien, 33 aus dem Kosovo, 22 aus Mazedonien und 24 aus Montenegro.
Die Länder der Europäischen Union kennen die meisten Teilnehmer bisher meistens nur aus dem Fernsehen. „Wir ermöglichen den Studentinnen und Studenten, die europäische Lebenswirklichkeit besser kennenzulernen. Nicht reisen zu können ist oft eines der größten Probleme für sie“, sagt Sandra Breka, Leiterin des Büros der Robert Bosch Stiftung in Berlin. Junge Menschen in der Europäischen Union könnten sich gar nicht vorstellen, was Reisebeschränkungen für Studierende in Sarajewo oder Belgrad bedeuten. Das Programm will die Isolation in den Ländern aufbrechen, die durch die Visaproblematik verschärft wird. Etwa 70 Euro würde allein das Visum kosten – für viele Studentinnen und Studenten eine Summe, die sie nicht so einfach aufbringen können. Und so umfasst das „Europa erfahren“-Paket ein Schengen-Visum, Interrail-Ticket, Krankenversicherung und Tagegeld.
Zum Auftakt waren im Juli 2008 insgesamt 220 Programmteilnehmer – alle zwischen 20 und 25 Jahre alt – nach Berlin gekommen. Als Sandra Breka sie fragte, wer denn schon einmal in der deutschen Hauptstadt gewesen sei, „gingen gerade einmal vier oder fünf Hände hoch“. Doch nicht nur die Reise durch die Europäische Union steht im Vordergrund des Programms. Manche kennen noch nicht einmal Studentinnen und Studenten aus dem Nachbarland. „Das Erbe der Vergangenheit lastet auf den Schultern“, sagt Sandra Breka. Sorge, dass die Teilnehmer nicht von ihrer Reise in ihr Heimatland zurückkehren könnten, hat sie nicht, weil sich die Studenten „eine Perspektive für ihr Land wünschen“.
Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier begrüßte die Teilnehmer in Berlin und signalisierte damit auch, wie wichtig ein solches Programm ist, das mit einfachen Mitteln eine große Wirkung erzielt. Steinmeier betonte, dass die südosteuropäischen Länder „Teil der europäischen Familie“ seien. Und erinnerte sich an seine eigenen Reisen durch Europa vor 30 Jahren, als man noch einen Pass brauchte, um von Deutschland aus die niederländische oder französische Grenze zu passieren.
Viele der jungen Teilnehmer reisten nach der Berlin-Ouvertüre spontan gemeinsam weiter. Genau das hat auch Ron Krasniqi gemacht. Unterwegs war der 21-jährige Student aus dem Kosovo mit neun anderen Studierenden, „die mittlerweile meine Freunde sind“. Die Reise hat ihn nach Berlin, Brüssel, Brügge, Amsterdam, Paris, Köln, Nizza bis hin nach Barcelona und später nach Portbou in Spanien geführt. Weiter ging es nach Rom, Florenz, Venedig, Wien und München und von dort zurück in die Heimat. Ron Krasniqi studiert jetzt wieder Business Management and Entrepreneurship an der Amerikanischen Universität im Kosovo.
Ohne Partner in den Ländern Südosteuropas könnte „Europa erfahren“ nicht funktionieren. In Serbien wurde die Idee für das Reisestipendium entwickelt; es wird dort von der österreichischen Botschaft und weiteren Institutionen unterstützt. Die Federführung hat gemeinsam mit der Robert Bosch Stiftung der Balkan Trust for Democracy. Mittlerweile sind viele andere Förderer hinzugekommen. Die deutschen Botschaften beispielsweise, die die Visa-Erteilung an die jungen Südosteuropäer vereinfachen. Auch die Medien in den beteiligten Ländern berichten mittlerweile ausführlich und machen damit das Projekt nicht nur bei den Studierenden bekannt, sondern sie helfen auch dabei, weitere Sponsoren zu finden.
Sechs zivilgesellschaftliche Institutionen in den Ländern wählen die Teilnehmer aus, die alle hervorragende Studienleistungen und passable Englischkenntnisse mitbringen müssen. Eine weitere wichtige Voraussetzung ist, dass die Studierenden noch keine Auslandserfahrung haben. Das Projekt trägt auch zur Kommunikation der zivilgesellschaftlichen Institutionen untereinander bei. „Es fördert die Völkerverständigung auf dem Balkan“, macht Sandra Breka deutlich. Das ist eines der Anliegen der Robert-Bosch-Stiftung, die seit drei Jahren den Schwerpunkt Südosteuropa eingerichtet hat. Dazu gehören die Beteiligung am stiftungsübergreifenden Europäischen Fonds für den Balkan, Journalistenprogramme, Nachwuchsförderung und die Förderung von Initiativen, die den Umgang mit der Vergangenheit im Sinne der Versöhnung zum Ziel haben. Mit dem Bosch-Fellowship-Programm für Südosteuropa werden zum Beispiel seit dem Jahr 2007 Geistes- und Sozialwissenschaftler unterstützt.
Endlich gibt es Neues von Amila. Mittlerweile ist sie in Hamburg. „Ich reise noch immer und prüfe meine E-Mails unregelmäßig“, schreibt sie. Sie genießt das „Gefühl von Freiheit“ sehr: „Reisen, wohin man will. Bleiben, solange man will. Das ist die einmalige Gelegenheit, unbeschwert durch Europa zu fahren und die Städte, die man schon immer sehen wollte, zu besichtigen.“












