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Das Bauhaus wird 90

90 Jahre Bauhaus: das Kreativlabor der Moderne

Urzelle der guten Form, revolutionäre Kunstschule und Projektionsfläche für neue Ideen. Eine Institution mit Strahlkraft feiert Geburtstag

Von Thomas Edelmann

Erklären kann man das Bauhaus nicht“, schrieb der Künstler Jean Leppien. „Das Bauhaus war vor allem eine geistige Haltung, war eine Gemeinschaft von hundertfünfzig Individualisten, die vereint waren zum gemeinsamen Kreuzzug gegen bestehende und anerkannte Werte und Vorurteile.“ Wolfgang Sattler, Professor für Produktdesign an der heutigen Bauhaus-Universität Weimar, sagt: „Jeder schafft sich sein eigenes Bauhaus, man erfindet es als eigene Rakete in die Zukunft. Nur steuern lässt sich diese Rakete kaum.“

2009 feiert das Bauhaus 90. Geburtstag. Ausstellungen in Weimar, Dessau, Berlin und New York erinnern an die äußerst einflussreiche, zu Lebzeiten umkämpfte Institution, die maßgeblich zur internationalen Verbreitung der gestalterischen Moderne in Architektur, Kunst und Design beitrug. 90 Jahre sind eine merkwürdige Zeitspanne. Weniger rund als „50 Jahre Bauhaus“ , eine Ausstellung, die der Nachkriegsgeneration das Bauhaus und seine Ideenwelt erschloss. In der Folge kamen erstmals Reeditionen von Bauhaus-Möbeln in den Handel, die bis heute unser Bild vom Bauhaus prägen. Andererseits ist die Idee der Kunsthochschule noch nicht ganz 100-jährig, also nicht ganz überholt und erledigt.

Vor 90 Jahren wurde der Architekt Walter Gropius (1883–1969) zum Direktor der ehemaligen Großherzoglich Sächsischen Hochschule für bildende Kunst in Weimar berufen. Er vereinigt sie mit der eigentlich schon seit 1915 geschlossenen Kunstgewerbeschule und benennt sie um in Staatliches Bauhaus in Weimar. Die Gründung erfolgt am 1. April 1919. Im selben Monat werden das von Gropius verfasste Bauhaus-Manifest und das Programm der Hochschule veröffentlicht. „Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau!“, lautet der erste Satz des Manifestes. Ein pathetischer Text, der an expressionistische Strömungen anschließt: „Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück!“ Vorbild der neuen Hochschule sollten mittelalterliche Dombauhütten sein, bei denen Handwerker und Künstler zusammenwirkten, um die großen gotischen Kathedralen zu erbauen. So rückwärtsgewandt das Vorbild, so modern ist Gropius’ Vision: „Architekten, Maler und Bildhauer müssen die vielgliedrige Gestalt des Baues in seiner Gesamtheit und in seinen Teilen wieder kennen und begreifen lernen, dann werden sich von selbst ihre Werke wieder mit architektonischem Geis­te füllen, den sie in der Salonkunst verloren“, formuliert er. Revolutionär ist die Verbindung von Kunst und Kunsthandwerk, von Werkstätte und Meisterkurs, die in Weimar entsteht, revolutionär auch die Abkehr von dem alten Konzept der Kunstschulen, in denen die Studenten die Arbeitsweise ihres Lehrers jahrelang nachahmen mussten, in denen sich gegenwärtiges künstlerisches Schaffen an historischen Vorbildern orientierte. Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges zerbrach nicht nur die alte politische Ordnung. Auch die ästhetischen Strategien und Konzepte des 19. Jahrhunderts waren mit einem Schlag unzeitgemäß.

Beinahe zeitgleich mit den Anfängen des Bauhauses konstituierte sich in Weimar die Nationalversammlung. Um den revolutionären Wirren in Berlin auszuweichen, versammelten sich die Abgeordneten der Verfassunggebenden Versammlung in Weimar. Die Auseinandersetzung um Rätesystem versus Demokratie war 1919 zugunsten des demokratischen Verfassungsstaates entschieden. Verglichen mit den politischen Scharmützeln, den Straßenschlachten und Barrikadenkämpfen, erschienen die ästhetischen Debatten, die zur Gründung des Bauhauses führten, zunächst als harmlos unpolitisch. Und doch basierten Gropius’ Konzepte auf Strategien, wie sie im „Arbeitsrat für Kunst“, einem Zusammenschluss von Architekten, Künstlern und Publizisten, bereits zuvor diskutiert und als politisches Programm formuliert wurden: „Kunst und Volk müssen eine Einheit bilden“, hieß es in einem Flugblatt des Arbeitsrats vom März 1919. „Die Kunst soll nicht mehr Genuss weniger, sondern Glück und Leben der Masse sein. Zusammenschluss der Künste unter den Flügeln einer großen Baukunst ist das Ziel.“ Zunächst beruft Gropius drei Künstler zu Bauhaus-Meistern: den Maler Lyonel Feininger, den Bildhauer Gerhard Marcks sowie den Maler und Kunstpädagogen Johannes Itten. Später kommen die Maler Georg Muche, Paul Klee, Oskar Schlemmer und Wassily Kandinsky hinzu. Das Bauhaus bezieht die von Henry van de Velde entworfenen Jugendstilbauten der Kunsthochschule.

Die Lehre am Bauhaus war anfangs nicht in Meisterklassen, sondern in Werkstätten organisiert. Den „Formmeistern“, Künstlern und Architekten, standen „Werkmeister“ mit handwerklicher Vorbildung zur Seite. Nach und nach entstanden Werkstätten für Metall, Weberei, Keramik, Möbel, Typographie und Wandmalerei und die Bühne. Die Weimarer Anfangsjahre gelten als die romantische, geradezu esoterische Phase. Dazu trug maßgeblich Johannes Itten bei, der mit der Bauhaus-Meis­terin Gertrud Grunow den Vorkurs erfand, jene zentrale Neue­rung, die Lehrprogramme der Kunst- und Designschulen in aller Welt bis heute nachhaltig beeinflussen sollte. Dabei werden Studienanfängern übergreifende ästhetische und gestalterische Grundlagen vermittelt, bevor sie sich in einzelnen Werkstätten spezialisieren. Itten allerdings nutzte seinen Vorkurs auch, um Studenten für die obskure pseudoreligiöse Mazdaznan-Lehre zu missionieren. Von solch irrationalen Inhalten wandten sich viele Studenten und Lehrende ab. Ein erster beispielhafter Konflikt innerhalb der Hochschule. Weitere sollten folgen, aber auch die Ausweitung des Profils der Hochschule: Auf Itten folgt László Moholy-Nagy, der typografische Entwürfe und Fotografie in die Lehre einbindet. 1923 zeigt das Bauhaus in einer Ausstellung erstmals Ergebnisse aus den Kursen und Werkstätten. Das Versuchshaus am Horn, ein schmuckloser, nach innen orientierter Flachbau, entsteht nach Plänen von Muche, die Mehrheit der Weimarer Bürger empfindet es als störenden Fremdkörper. Der Maler Oskar Schlemmer leitet die Bauhausbühne und thematisiert in seinem „Triadischen Ballett“ die Bewegung des Menschen im Raum. In einem Text über „Hausbau und Bauhaus!“ fordert er die Abkehr vom Handwerks­ideal: „Das Handwerk von ehedem macht heute die Industrie oder wird es machen: typisierte, solide, zweckgerichtete Gebrauchsgegenstände für die leiblichen Bedürfnisse, geboren aus der äußeren Notwendigkeit.“

Widerstände und neue Anfänge

Ein Richtungswandel kündigt sich an. Gropius propagiert nun „die Einheit von Kunst, Technik und Wissenschaft“. Anfang der 1960er-Jahre erinnert er sich an diese Zeit zurück. Nach der Lektüre eines Tagebuchs von 1923 bis 1928 bemerkt er, „dass 90 Prozent der unerhörten Anstrengungen, die alle Beteiligten in dieses Unternehmen hineinsteckten, auf Abwehr von Feindseligkeiten auf lokaler und nationaler Ebene verwandt werden mussten und nur zehn Prozent für die eigentliche schöpferische Arbeit übrigblieben.“ Für die Akteure kein Grund zum Verdruss: „Wir zweifelten keinen Moment an unserer Fähigkeit, Widerstände zu besiegen.“ Dennoch wird das Bauhaus in Weimar zunehmend angefeindet. Die staatliche Hochschule muss alljährlich um die Bewilligung ihres Etats bangen. Die Schwächung demokratisch-reformerischer Kräfte zugunsten von nationalistisch-reaktionären im Thüringer Landtag erzwang den Ortswechsel. 1925 musste das Weimarer Bauhaus schließen. Die Stadt Dessau ermöglichte die Verlagerung und den Neubau.

Das Bauhaus baut

Nach Plänen von Walter Gropius entstand am Stadtrand von Dessau ein Stahlskelettbau mit Vorhangfassade, Meisterhäuser, eine Siedlung und weitere Einzelbauten folgen. Als der Architekt und Kritiker Julius Posener erstmals 1992 das Bauhaus-Gebäude besuchte, beschrieb er anschließend seine Eindrücke: „Da alles Konstruktive und das Räumliche stets gegenwärtig sind, gegenwärtig und verständlich, fühlt man sich in diesem Hause, das damals als ein Signal galt, ja ein Trompetenstoß, sehr bald ganz ruhig, dazugehörig, angeregt.“ War es bisher das Wort Bauhaus, das vielerlei Aufladung und Projektion erlaubte, so hat die Schule, die sich jetzt „Hochschule für Gestaltung“ nennt, erstmals einen eigenen Ort, einen programmatischen Bau, der junge Menschen aus aller Welt anlockt, um Teil eines Projektes der Erneuerung zu sein. Endlich, 1927, beruft Gropius einen Meister für die neue Architekturabteilung. Es ist der Schweizer Architekt Hannes Meyer, der linkssozialistische Positionen vertritt. 1928 löst er Gropius als Bauhaus-Direktor ab. „Volksbedarf statt Luxusbedarf!“ ist die Devise, die Meyer schon vor der Weltwirtschaftskrise ausruft. Die Ära Hannes Meyer bedeutet fürs Bauhaus Professionalisierung und Politisierung. 1930 entlässt die Stadt Dessau Meyer wegen seiner kommunistischen Orientierung. Nachfolger wird Ludwig Mies van der Rohe (1886–1969), der mit Bauten in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung 1927 und dem Deutschen Pavillon der Weltausstellung 1929 in Barcelona für Furore sorgte. Der Architekt verschult das Studium, die Werkstätten und ihre Entwürfe für Industrie werden weniger wichtig, die Bedeutung der Architekturausbildung nimmt zu. Die NSDAP in Dessau setzt 1932 die Schließung des Bauhauses durch. Die KPD stimmt dagegen, die SPD enthält sich. Mies van der Rohe verlegt das Bauhaus nach Berlin. Wirtschaftliche Schwierigkeiten, vor allem aber Repressalien des NS-Staates führen 1933 zu Schließung und Selbstauflösung.

Weltweite Ausstrahlung

Doch Lehrer wie Moholy-Nagy, Gropius und Mies van der Rohe, die nach Amerika emigrierten, aber auch Schüler und Absolventen trugen Ideenwelt und Lehrkonzepte in alle Welt. Zeitweise existierte in Chicago das New Bauhaus. Nach dem Krieg versuchte der Dessauer Bürgermeister Fritz Hesse eine Wiederbelebung am alten Standort. Doch die ästhetische Moderne passte nicht ins Konzept der DDR-Regierenden. Im Westen eignete sich ein neues Bürgertum die Formenwelt des Bauhauses an, wie sie in den Re­editionen der 1970er-Jahre aufschien. Tatsächlich – das ergaben Forschungen – war das Bauhaus weit farbiger, in seiner Formenwelt widersprüchlicher und uneinheitlicher, als es unserer heutigen Vorstellung entspricht. 1979 eröffnete in Berlin das Bauhaus-Archiv mit der größten und wichtigsten Sammlung von Objekten und Dokumenten der Bauhausgeschichte.

„Es gibt eine Sehnsucht, sich am Bauhaus zu orientieren“, sagt Omar Akbar, bis März 2009 Direktor der Stiftung Bauhaus. Bis heute beziehen sich zahlreiche Hochschulen, Designer und Künstler auf das Ideenlabor der Moderne. Unter ihnen so unterschiedliche wie die Architekten Meinhard von Gerkan oder Daniel Libeskind. Der Begriff Bauhaus, den Gropius prägte, eignet sich ideal, um mit immer neuen Ideen und Projektionen gefüllt zu werden. „My Bauhaus is better than yours“, haben die Studierenden von Wolfgang Sattler an der Bauhaus-Universität Weimar eines ihrer Projekte genannt. Während Design- und Architektur- und Kunstschulen seit den 1950er-Jahren stärker auf Abgrenzung setzten, inspiriert neuerdings gerade die Beschäftigung mit verwandten Disziplinen. Fast wie vor 90 Jahren.

31.03.2009
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